Tröstliche Gemeinschaft - Regionalbischof Piper hält den Eröffnungsgottesdienst der Landessynodaltagung in Geiselwind

Predigt von Regionalbischof Axel Piper
im Gottesdienst zur Eröffnung der Frühjahrssynode 2022
des Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern in Geißelwind
am 27. März 2022 um 18.00 Uhr

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

I.          Paulus und die Landessynode

Ach, wie ist das manchmal anstrengend in unserer Kirche: Kommunikation, Kommunikation! Aber wenn man weniger Gelegenheit dazu hat, wie in den letzten 2 Jahren, merkt man umgekehrt, wie Kommunikation fehlt: Die Absprachen, das Hören, das Weitergeben, die Fragen, die Diskussionen, Vereinbarungen am Rande. Auch viele von Ihnen, liebe Synodale, können dazu wohl ein Lied singen. Das Bedürfnis an ausgiebiger Kommunikation ist wohl von je her ein Merkmal von Kirche. Schon ganz am Anfang war das offenbar nicht anders. Die Situation des Paulus, als er seinen 2. Brief an die Korinther schrieb, ist wie ein Beleg dafür. Paulus schrieb seinen Brief ja nicht spontan, aus einer Laune heraus, und auch nicht als Glaubenssatz, ein für alle Mal. Sein Brief ist vielmehr wie ein Versuch, einen gemeinsamen Diskussionsstand festzuhalten. Man erahnt, wieviel an Kommunikation voraus ging und als Reaktion noch gefolgt ist an Gesprächen, an Diskussionen über strittige und offene Fragen, ja auch emotionale Erfahrungen von Verständnis und Unverständnis, von Nähe und Fremdheit. Ich muss niemandem hier etwas erzählen: Einander schreiben und besuchen, miteinander reden im Plenum, in Gremien und Ausschüssen, geduldiges auf einander Hören und Zuhören, sich mit Argumenten durchsetzen oder auch nicht, nachfragen ohne nachzutragen, sich befragen lassen, einander anerkennen oder auch vergeben. So geht Kirchenleitung – damals bei Paulus und heute bei uns.

Die Briefe selbst, die Paulus an die Korinther geschrieben hat, waren so etwas wie eine Miteinander von Vereinbarungen, Zwischenstände, und weiterführende Ideen. Kein Wunder, dass manche Exegeten auch davon ausgehen, dass es weit mehr als nur die vorliegenden 2 Briefe gab, mindestens 3 oder 4, oder gar 7 oder noch mehr. Die Mehrzahl der Briefe an seine Korinther sind also verloren. Wie schade! Hat er doch mit seinen Korintherinnen und Korinthern besonders intensiv gerungen. Und hat er sie wahrscheinlich auch deshalb besonders geliebt. So sind es also nur noch zwei Briefe an die Korinther, die einen Diskussionsstand und gemeinsamen Glaubensstand festhalten und ermutigen, auf dieser Grundlage weiterzugehen. Und die Synode wird sich auch freuen, wenn in ein paar Tagen gemeinsam Wegmarken gesetzt werden konnten. Orientierungspunkte, auf die man sich einigen konnte. Und niemand wird den Anspruch erheben, dass damit der Weg des Diskurses und des gemeinsamen unterwegs Seins zu Ende gegangen sein wird.

Allerdings: Paulus hatte es mit einem gemeinsamen Weg mit dieser widerspenstigen Gemeinde in Korinth ganz besonders schwer. Es gab Spaltung. Er selbst wurde auch nicht unumstritten anerkannt. Wurde sogar schlecht gemacht. Hinter seinem Rücken. Seine Worte fanden kein Gehör, seine Person keine Anerkennung. Es gab Gerüchte und Intrigen, Machtspiele und Missverständnisse. Trostlos, vor allem wenn dadurch die Botschaft des Trostes unter die Räder zu kommen droht.

Das anstrengende Ringen und die Erleichterung – sie sind dem Paulus anzumerken. Schon hier in den paar Zeilen ganz am Anfang des Briefes. Leid und Kampf und Trost. Ein Dreiklang menschlicher Erfahrung und Glaubensgewissheit. So schreibt der Apostel Paulus zum Beginn seines 2. Korintherbriefs, dem Predigttext für den heutigen Sonntag:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Werden wir aber bedrängt, so geschieht es euch zu Trost und Heil; werden wir getröstet, so geschieht es euch zum Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil.

 

II.         Was ist Trost?

In all den Turbulenzen, dem Auf- und Nieder, ist der Faden nicht abgerissen, gab es Gespräche, Versuche des Verstehens, Einsichten und guten Willen, gab es das Gemeinsame, das wichtiger war als die vielen Konflikte: Die Gemeinschaft. Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus. Ja, offenbar die Einsicht, dass auch das aneinander Leiden und miteinander Leiden trösten und zusammenführen kann.

Ich wünschte mir das gerade in dieser Zeit. Dass die geschundenen Menschen in und aus der Ukraine ein wenig Trost erfahren würden, wenn sie erleben, wie nah uns ihre Schicksale gehen, wie sehr die Menschen auch bei uns zu helfen versuchen, solidarisch sind im Rahmen ihrer Möglichkeit. Dass sie Trost in diesem trostlosen Leid erfahren mögen, weil sie spüren, sie sind nicht alleingelassen.  Vergleichen kann man unsere kirchlichen Sorgen damit nicht. Aber auch sie wollen in den nächsten Tagen bearbeitet sein und brauchen tröstlichen Perspektiven.

Also miteinander reden, Schritt für Schritt gehen und erwarten, dass wir getröstet werden und uns als Getröstete gegenseitig trösten. Das klingt nach Arbeit, ist es auch. Und Trost war und bleibt immer auch ein Geschenk Gottes. Er ist es, der im Leiden um Christi willen, um der Wahrheit des Evangeliums willen, schenkt. Darum sind auch Paulus und die Korinther sich gegenseitig zum Trost geworden, getröstet, andere tröstend.

Ob im großen Leid der Menschen in und aus der Ukraine oder uns in der Synode gilt auch dies: Trost kann man sich nicht selbst sagen: Von außen, von einem anderen wird er zugesprochen; so eröffnet er eine neue Sicht, stellt in ein Kraftfeld, das wir uns nicht alleine erschließen können.

 

III.        Wie Gott zum Trost wird

Paulus lenkt zunächst den Blick weg von sich, von seinem Kummer hin auf Gott. Er beginnt mit dem Gotteslob „Gepriesen sei Gott!“. Er weiß um den Dank nach angefochtenem, beschwertem Glauben; er weiß um das Lob aus der Tiefe. Ja, er hat es erlebt. Schreibt er doch in seinem Brief ein paar Kapitel weiter: „... bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, zweifelnd, aber nicht verzweifelt, verfolgt, aber nicht verlassen.“ (2.Kor 4,8).

Dieses Trotzdem in allem Leid widerfährt Paulus vom „Gott alles Trostes“ durch den Glauben, durch das sein Leben bestimmende Vertrauen auf den Vater der neuen Wege öffnet.

Paulus erfährt Trübsal und Leid im Spiegel des leidenden Jesus als klagenden Schmerz des Glaubens. Er blickt auf den gekreuzigten Christus und es widerfährt ihm „Trost und Heil“ . Ein Perspektivenwechsel, der alles, auch Krisen und Leid geborgen weiß in der Liebe Gottes. Er ist bei Trost.

Für Luther war die ganze Schrift voll Trost, weil in ihr als „Mitte“ der „Christus praesens“ bezeugt wird und das Trostwort spricht, wie „einen seine Mutter tröstet“ (Jes 66, 13), getröstet, in Frieden, trotz Streit und Hass rundherum.

Luther hat Menschen in Bedrängnis und Gefahr immer wieder Trostworte zugesagt und geschrieben. Bei ihm klingt es nach eigener Erfahrung, nicht nach Floskel, wenn der selbst so oft Gebeutelte schreibt: „Stiere nicht auf das Finstere; Trübsal nimmt dich sonst gefangen und lässt dich nicht mehr los. Schau das Helle und Lichte an. Blick auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, ihn lass sich „einbilden“ in dein Herz, deine Gedanken, dein Tun.“

 

IV.        Tröstende Trostgemeinschaft

Für den Trost braucht es andere. Trost geht am besten in der Gemeinschaft. Paulus bemüht sich um eine Trostgemeinschaft mit den Korinthern. Und gleichzeig betont er immer wieder: Diese Trostgemeinschaft darf nicht sich selbst genügen. Kirche war noch niemals für sich selbst da. Diese Erfahrung von Trost, Kraft und Hoffnung hinauszutragen in die Welt und Umwelt war und ist Aufgabe von uns Christen: Einen Langzeit-Kranken, eine Vereinsamte, einen in Lebenskrise und Kummer in sich Verschlossenen, eine von Bedrängnissen des Glaubens Angefochtene Taten und Worte des Trostes zu schenken, ist Auftrag der Gemeinschaft der tröstenden Getrösteten.

Und dabei muss man uns Christen auch die eine oder andere Leidensstrecke und -erfahrung nicht ansehen. Man muss uns nicht das Leid ansehen, sondern die Freude, dass wir Wege aus dem Leid sehen. Man muss in uns keine geknickten Menschen sehen, sondern Menschen, die sich getröstet wissen und die zu trösten wissen. Keine Leidensmienen, sondern Zuversicht. Lebensfreude, Hoffnung weitergeben, passend zu diesem Sonntag Lätare, das kleine Osterfest in der Passionszeit: „Freut euch und seid fröhlich!“ ist er überschrieben. 

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine kommunikative und fröhliche Synodengemeinschaft!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen, Sinne und Tun im Glauben an unsern “Gott alles Trostes”. Amen.