Rechtfertigung heute - Predigt von Axel Piper in Nördlingen

Regionalbischof mit Dekan in St. Georg in Nördlingen
Bildrechte: KK Augsburg und Schwaben

Predigt am Reformationstag 2019 von Regionalbischof Axel Piper in St. Georg in Nördlingen um 20.00 Uhr.

Liebe Gemeinde,

es ist ein besonderes Gefühl im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben evangelischer Pfarrer und Regionalbischof zu sein. In einem Kirchenkreis mit fast allen ehemaligen freien Reichsstädten. Mit dieser stolzen evangelischen Tradition. Die Bekenntnisschriften unserer Kirche tragen im Namen das Augsburger Bekenntnis aus dem Jahr 1530. Wobei die sonst so mutigen Nördlinger taten sich 1530 schwer, den dieses Bekenntnis zu unterschreiben. Gehörten die Nördlinger noch im Jahr zuvor auf dem Reichstag zu Speyer zu den Protestanten, die für die Reformation eintraten, war die Stadt Nördlingen jahrelang dann eher schwankend, ob sie sich nun doch eher protestantisch oder katholisch verhalten sollten. Aus politischen Gründen. Nun, das ist fast 500 Jahre her, und angesichts dieser stolzen evangelischen Stadtkirche von St. Georg auch kaum zu glauben. Auch weil die Zeiten, in denen sich evangelisch und katholisch im gegeneinander definierten längst vorbei sind. Gott, sei dank.

 

Vor genau 20 Jahren gab es dann auch den bedeutendsten theologischen Friedensschluss. Die Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung“. Einer der Hauptunterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche wurde damit vor 20 Jahren beigelegt. Natürlich in unserem Kirchenkreis, in Augsburg. Ein ökumenisches Jahrhundertereignis war das. Nur, wer außer uns Theologen hat‘s bemerkt? Gut, dass die römisch-katholische Kirche und unsere Kirche einander nähergekommen sind. Wie schön! Aber das merken wir ja in den meisten Gemeinden. Wenn die Chemie stimmt, zwischen den Hauptamtlichen, dann klappt Ökumene. Aber ist das das Verdienst dieser gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung? Deren Inhalt zu erklären, tun sich selbst Fachjournalisten schwer. Die Süddeutsche hat damals geschrieben: „Dieser Tag in Augsburg beendet den Jahrhunderte alten Streit zwischen Lutheranern und Katholiken darüber, wie man in den Himmel kommt.“

Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung. Wer versteht das heute noch?

Bedeutet doch heute das Wort „Rechtfertigung“ genau das Gegenteil von dem, was die Reformation damit meinte:

Rechtfertigen muss er sich vor seinem Chef, wenn ein Auftrag nicht sach- oder fristgerecht erledigt wurde. oder, wenn der Polizist die rote Kelle gehoben hat, um eine Geschwindigkeitsüberschreitung zu ahnden. Heute ist Rechtfertigung ein negativer, mit Bedrohung besetzter Begriff, der alles andere als ermutigend wirkt.

Rechtfertigung als Leitbild des christlichen Glaubens allerdings meint, dass sich niemand mehr rechtfertigen muss, weil ein jeder schon gerechtfertigt ist - vor Gott, und daran haben sich dann auch Eltern, Vorgesetzte und Partner und vor allem immer auch die Kirche zu orientieren. Dabei wäre das so einfach, weil die Sache, um die es hier geht eine lebenswichtige Frage ist.

Vor kurzem hat ein Bekannter mir geklagt: Mit irgendjemand muss ich jetzt reden. Ich ärgere mich so: Ich werde meinen Job als Leiter meiner geliebten Abteilung los. Ein Nachfolger ist schon bestimmt. Entweder kann ich gehen, mit einem goldenen Handschlag oder werde Frühstücksdirektor bei gleichem Gehalt. Finanziell also kein Problem. Aber ich fühle mich regelrecht abgeschoben. Ich habe der Firma die Stange gehalten in der Krise. Meine Abteilung schreibt gute, schwarze Zahlen, keine Begründung warum. Wo bleibt die Anerkennung, wo der Dank. Den Stuhl vor die Tür gesetzt. Und ich möchte mir nicht ausmalen, was das für ein Gerede in der Firma geben wird.

Ich habe doch einen guten Job gemacht! Wer sagt mir, dass ich gut bin?

Ich versuche ihn zu trösten: Wenn du nicht gut wärest, wärest du nicht auf diese Position gekommen. Das Angebot ist großzügig. Die Firma lässt sich dich eine Menge kosten. Ich fürchte, es hilft nichts. Denn irgendwann kommt die Frage wieder: „Wo bleibt die Anerkennung. Wer sagt mir, dass ich gut war und gut bin.“

Er hat ja recht, denke ich mir. Leider sind wir wahrscheinlich nicht so souverän und abgeklärt, dass wir die Anerkennung von außen nicht bräuchten. Im Gegenteil: Wir brauchen sie dringender, denn je in unserer Leistungsgesellschaft. Du bist, was du leistest und bist, was die anderen in dir sehen. Und das ist leider manchmal sehr unbarmherzig.

 

Wo können wir das heute erleben, dass uns jemand sagt: Du bist gut! Toll, dass es dich gibt. Oder wie es in einem Kinderlied heißt:

„Wie schön, dass du geboren bist,

wir hätten dich sonst sehr vermisst.“

Wo können wir, als Erwachsene das hören?

Und wir brauchen das genauso wie die Kinder. Es ist geradezu unverzichtbar, wenn es stimmt, was Martin Buber gesagt hat: dass das Beste, was Menschen füreinander tun können, dieses ist, sich gegenseitig anzuerkennen.

In Wirklichkeit läuft es heute ja anders. Wir haben uns fast schon daran gewöhnt, dass wir täglich der Kritik standhalten müssen ‑ und halten ja auch gerne selbst mit auf diesem Gebiet. Wir wissen, dass wir oft hinter dem zurückbleiben, was andere oder auch wir selbst von uns erwarten. Kritik und Gegenkritik begleiten uns. Einer pfeift immer. Der eine will dies, der andere das Gegenteil.

Nur: Wer sagt mir, ob ich gut bin, dass ich gut bin? Und die Daumen hoch und like it bei facebook und Co. helfen auf Dauer wohl auch nicht zu diesem Gefühl: ich bin, wie ich bin. Und ich bin gut.

 

Ich vermute, dass viele der Kopfstände, die Menschen heute un­ternehmen, darin begründet sind, dass sie dieses Gefühl nicht haben und nicht vermittelt bekommen. Das Ego, so breit es sich manchmal zu machen scheint, steht auf schwachen Füßen. Also suche ich Wege, und seien sie noch so verrückt, um zu erfahren, wer ich bin ‑ und dass ich gut bin:

Extremsportarten sollen den Rausch des Am‑Leben-Seins vermitteln, Reisen an exotische Orte mir Kraft und Energie geben. Selbsterfahrung in jeder Form ist gefragt.

 

Das Defizit, nicht zu wissen, ob ich gut bin, ist leicht auszubeuten. Käufliche Surrogate bieten sich an, die versprechen: „Du kannst etwas, du bist etwas, wenn du dich nur in den Besitz deines Objektes der Begierde bringst.“ Fast jede Werbung enthält dieses Versprechen. Du hast es geschafft, wenn Du Porsche fährst, bist gut, wenn du einen Rock von Prada und die Brille von Gucci trägst, mit deinem Parfüm selbstbewusst die Aufmerksamkeit erregst und weißt, dass deine Kreditkarte nicht gold- sondern platinfarben ist.

Eine andere beliebte Weise, zu erfahren, dass ich gut bin, besteht darin, andere schlecht zu machen. Ich kann mich nur dann wertvoll fühlen, wenn andere es nicht sind. Auf diese Weise funktionieren Abgrenzung und Degradierung anderer Menschen. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, in Deutsche und Ausländer, in Rechtgläubige und Falschgläubige.

Wenn man darüber nachdenkt, was der Beitrag der Kirche für die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft sein könnte, dann viel­leicht dies: dass Kirche in einer Welt, die vollgestellt ist mit An­sprüchen und Appellen, mit „Man müsste“ und „Man sollte“, diesen Indikativ, diese Zusage, festhält und unterstreicht:

Mensch, du bist gut. Dein Leben hat Wert und Sinn.

Statt vieler kategorischer Imperative diesen grundlegenden kategorischen Indikativ: Mensch, du bist gut.

Dort, wo sich Menschen ihres Wertes und ihrer Aufgaben nicht mehr sicher sind, eine Atmosphäre der Wertschätzung zu schaffen, ist Aufgabe von uns Christen.

Dort, wo Menschen gedemütigt und herabgesetzt werden, für ihre Anerkennung einzutreten, den kategorischen Indikativ zu vertreten, mitzuarbeiten an der ganz praktischen Beantwortung der Frage: Wer sagt mir eigentlich, ob ich gut bin? Wenn ich den anderen wissen lasse, dass ich ihn schätze, dass ich ihn anerkenne, so wie ich selbst anerkannt sein möchte ‑ das wäre die Rechtfertigung und Richtung.

Für eine Kirche, die sich die Reformation auf die Fahne geschrieben hat, ist es gut, selbst vorauszugehen. Indem sie zeigt und vorlebt, dass die Kirche der Rechtfertigung sich nicht rechtfertigen muss. Wir müssen nicht auf jeden Zug aufspringen. Wir dürfen auch einmal sprachlos sein. Aber wir dürfen es nie und nimmer versäumen, unser Gottvertrauen vorzuleben in einer tief verunsicherten Welt. „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen/verricht das deine nur getreu/und trau des Himmels reichen Segen…/heißt es in unserem Gesangbuch. Und das ist die Haltung von Christen, die wissen, dass sie gerechtfertigt sind.

 

Unseren Wert haben wir, weil wir erschaffen sind als Gegenüber und Part­ner Gottes. „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.“ Diese Beziehung zeichnet uns aus. Dieses Verhältnis macht unser Leben unverwechselbar und unendlich kostbar. Und schafft die Voraussetzung zu einem Leben mit an­deren in gegenseitiger Anerken­nung und Achtung.

Es ist dies der Inhalt der biblischen und reformatorischen Botschaft der Rechtfertigung, „dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Römer 3,28). Ich denke, dieser Satz ist der Schlüssel für die Frage danach, ob ich gut bin.

 

Ich wünsche es uns allen: Dass wir es lernen stolz zu sein auf das, was wir sind und wie wir sind. Ehrlich genug, berechtigte Kritik zuzulassen, das auch. Aber zugleich stabil genug, sich nie und von niemandem in seiner Person in Frage stellen zu lassen. Schließlich ist jeder und jede geliebtes Geschöpf Gottes. Das ist das Thema der Reformation. Gerade auch im Jahr 2019.