Gemeinschaft im Sinn der Confessio Augustana ist eine Lerngemeinschaft!

Festprediger Regionalbischof Piper auf Kanzel in Hl. Kreuz
Bildrechte: KK Augsburg und Schwaben

Regionalbischof Piper ist am 28. Juni 2020 um 10.00 Uhr in Heilig-Kreuz in Augsburg Festprediger anlässlich des 490. Jubiläums der Verlesung der Confessio Augustana.

Mit deutlichen Worten bestimmt Regionalbischof Piper die Bedeutung der Confessio Augustana auch heute:
„Mehr Toleranz, Realismus, Augenmaß! Das wäre so entscheidend wichtig heute! Und deswegen ist Confessio Augustana hochaktuell, auch außerhalb von Kirche. Weil sie auch in unseren Urteilen Realismus und Toleranz einfordert. Wie unbarmherzig gehen heute Menschen mit anderen Menschen um. Wer nicht denkt wie sie wird gleich abgestempelt als dumm, uninformiert oder gehört zu den angeblichen Verschwörern, die unser Verderben wollen. Corona hat uns alle kalt erwischt: Die Politik, die Kirchen, uns alle, jede und jeder für sich. Und es ist richtig, miteinander nach Lösungen zu suchen, um Strategien zu ringen, miteinander zu lernen, auf diese Bedrohung zu reagieren. Aber bitte doch, ohne von vorneherein bösen Willen oder gar eine weltweite Verschwörung zu unterstellen. Gemeinschaft im Sinne der Bekenntnisschriften ist für mich modern gesprochen eine Lerngemeinschaft. Lernen miteinander, voneinander, wohlwissend, dass wir so vieles nicht wissen und wissen können. Auch Fehler einzugestehen: weil Lernen ohne Fehler gibt es doch nicht.“

Mit Grußworten von Oberbürgermeistern Eva Weber und Stadtdekan Helmut Haug, als zukünftigen bischöflichen Beauftragten für Ökumene und interreligiösen Dialog, feiern die Augsburger Protestanten stolz und zugleich bedächtig in diesem Jahr die Confessio Augustana.

 

Die Festpredigt (es gilt das gesprochene Wort):

Liebe Gemeinde,

 

es ist bewegend, am 490. Jahrestag der Verlesung des Augsburgischen Bekenntnisses hier in Heilig-Kreuz predigen zu dürfen. Es ist schön, Sie zu sehen, wenn auch unter Halbmaske. Aber das zeigt ja unseren Respekt vor den Spielregeln, die in diesen Zeiten gelten müssen. Überhaupt, dass wir uns an dieselben Regeln halten und uns unter unseren einen Gott versammeln, über die Konfessionsgrenzen hinaus, ungeachtet unseres Herkommens. Wie schön: Eine Gemeinschaft, in der es einen Grundkonsens gibt.  

Das darf man schon mal betonen in dieser Zeit, in der sich scheinbar manche Menschen diesem Grundkonsens überhaupt nicht verpflichtet fühlen, angesichts mancher Demonstranten, die unter der Überschrift der persönlichen Freiheit nun ihr Süppchen kochen gegen Staat und Institutionen.

Die Dankbarkeit für dieses gemeinsame Feiern in einem Grundkonsens wird umso größer, wenn wir 490 Jahre zurückschauen. Da waren sie hier in Augsburg, – quasi um die Ecke, die Herrscher und die Mächtigen versammelt,. Kaiser Karl der V. und seine Getreuen zusammen mit der etablierten Kirche, und dann die Fürsten, die sich der Reformation angeschlossen haben, mit Philipp Melanchthon und all den anderen Theologen der Reformation, die hier um die Zukunft der Kirche, ja rückblickend betrachtet um die Zukunft Deutschlands und Europas rangen.

Da gab es diesen Grundkonsens, diesen Verständigungswillen, die Diskussionskultur im Guten die unsere Demokratie und auch Ökumene auszeichnet, nicht. Wie bedroht dieses Ringen war, wie sehr die Herrscher und Mächtigen bereit waren zur Gewalt, konnte man an dem Menschen sehen, der nicht da war. Martin Luther hatte auf der Veste Coburg zurückbleiben müssen, als der sächsische Kurfürst mit seinem Gefolge kurz hinter Coburg die Grenze nach Bayern überschritt. Er wäre sonst ein toter Mann gewesen, denn er stand unter dem Bann des Kaisers.

Standhaft, mutig, frei sein – das war damals mehr als notwendig, weil es diesen grundsätzlichen Konsens nicht gab. Weil man Versprechungen und Abmachungen jeder Art nicht trauen konnte. um für den eigenen Glauben einzustehen. Und deshalb gehörte zum Mut damals wie heute auch immer Klugheit und Augenmaß, um erfolgreich zu sein.

Ja, ich empfinde eine tiefe Dankbarkeit, wenn ich darauf schaue, was aus jenem Klima der Angst, der Abgrenzung, religiöser Unterdrückung und religiös motivierter Gewalt heute geworden ist. Wie aus den dann folgenden blutigen Kriegen und den damit verbundenen schmerzlichen Lernerfahrungen ein Gemeinwesen entstanden ist, das trotz aller Bedrohungen, die wir immer wieder erfahren, besonders heuer, von Toleranz geprägt ist und in dem die Glaubens- und Gewissensfreiheit als Grund- und Menschenrecht gilt. Tage wie der heutige sind wichtige Tage der Erinnerung daran, wie wenig selbstverständlich das ist und wie sehr wir immer wieder von neuem dafür einstehen müssen.

Im Brief an die Epheser lesen wir im 4. Kapitel:

Eph 4,2b-6

Ertragt einer den andern in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung eurer Berufung; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe; ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen.

Glaube sucht stets die Gemeinschaft. Im Glaubensbekenntnis bezeugen es Christen in der ganzen Welt. Im dritten Abschnitt, der beginnt mit „ich glaube an den Heiligen Geist“ ist von unserer Gemeinschaft der Heiligen die Rede. Nein, nicht Heilige, die ohne Fehl und Tadel sind. Nein, heilig, weil zu Gott gehörend. Es gibt keinen Robinson-Crusoe-Glauben, wo ich auf die anderen verzichten könnte. Die Zerstörung von Gemeinschaft erleben wir in unseren Kirchen ja seit Jahrzehnten hautnah und sie schmerzt unendlich. „Man kann ja auch so Christ sein…“ Nein! Paulus sagt es mit dem Doppelsatz: „Wer von Herzen glaubt…. Und mit dem Munde bekennt… (Röm. 10,9) Was wir nicht leibhaftig vollziehen, wandert auch aus unserem Herzen aus.“

Gemeinschaft derer, die im Grundsätzlichen einig sind, ist notwendig. In der Kirche und letztlich auch in jedem Land.

Bischof Ignatius von Antiochien, der im Jahre 115 im Kolosseum von Rom den Märtyrertod fand, hat diese grundsätzliche Einigkeit für die Kirche so definiert: „eine, heilige, allgemeine und apostolische Kirche“. „kath- (h)olon“ – allgemein, umfassend. Auf diese Weise sind auch wir Lutheraner katholisch, wenn auch nicht römisch-katholisch, wie natürlich andere Konfessionen auch evangelisch sind.

Und wir wissen dabei, dass keine Konfession alleine die Herrlichkeit Gottes und die Wahrheit Jesu Christi für sich gepachtet hätte. Aber wir stehen auf dem gleichen Fundament. Und wir ergänzen einander, wir brauchen einander. Und wir wissen, dass wir in unserem Bemühen das Evangelium zu bezeugen, Fehler machen, vieles schuldig bleiben und manche in ihrem Leben als Christinnen und Christen auch schwere Schuld auf sich laden. Das ist kein Beweis, dass Religion nichts taugt. Oder womöglich, dass es keinen Gott gibt.  Das ist erstmal nur Realismus. Und so spricht dann auch der 8.Artikel des Augsburger Bekenntnisses ganz realistisch von Kirche als ein corpus mixtum, eine gemischte Einheit. Diese Kirche ist eben eine Mischung aus Menschen, aus guten und weniger guten, in der biblischen Sprache eine Mischung aus Unkraut und Weizen in der dogmatischen Rede ein „corpus mixtum“. Deshalb Artikel CA VIII. Das nimmt aber deswegen noch nicht unserer kirchlichen Gemeinschaft jeden Wert. Nein, sie ist immer noch das Beste, was ich kenne. Solange das Paradies auf sich warten lässt.

Mehr Toleranz, Realismus, Augenmaß! Das wäre so entscheidend wichtig heute! Und deswegen ist dieser Artikel der Confessio Augustana hochaktuell, auch außerhalb von Kirche. Weil er auch in unseren Urteilen Realismus und Toleranz einfordert. Wie unbarmherzig gehen heute Menschen mit anderen Menschen um. Wer nicht denkt wie sie wird gleich abgestempelt als dumm, uninformiert oder gehört zu den angeblichen Verschwörern, die unser Verderben wollen. Corona hat uns alle kalt erwischt: Die Politik, die Kirchen, uns alle, jede und jeder für sich. Und es ist richtig, miteinander nach Lösungen zu suchen, nach Strategien zu ringen, miteinander zu lernen, auf diese Bedrohung zu reagieren. Aber bitte doch, ohne von vorneherein bösen Willen oder gar eine weltweite Verschwörung zu unterstellen. Gemeinschaft im Sinne der Bekenntnisschriften ist für mich modern gesprochen eine Lerngemeinschaft. Lernen miteinander, voneinander, wohlwissend, dass wir so vieles nicht wissen und wissen können. Auch Fehler einzugestehen. Weil Lernen ohne Fehler gibt es doch nicht. 

Und dazu braucht es diesen Grundkonsens, wie ihn auch das Augsburger Bekenntnis festhält: Gemeinschaft der Heiligen. Der heiligen, die manchmal so ganz unheilig sind, die aus verschiedenen Länder kommen und kurz oder lang zu unserer Gemeinschaft gehören, die verschiedenen Religionen angehören oder lieber nichts glauben, die verschiedene Hautfarben haben. Aber zu dieser Gemeinschaft stehen. Weil wir nur mit dem Willen, Gemeinschaft zu sein und füreinander da zu sein, die Probleme auch unseres Landes lösen können. Die größte Gefahr ist im Moment nicht Corona, finde ich, sondern eine ausgeprägte ich-Bezogenheit oder gar -Besessenheit.

Und wir als Christinnen und Christen müssen mit gutem Beispiel hier vorangehen. Weil wir doch in unseren Kirchen Jahrhunderte alte Erfahrung haben in der Suche nach einem Grundkonsens, dem Ringen um Verständigung, auch der Erfahrung mit Fehlern auf diesem Weg und doch die Überzeugung, dass Gemeinschaft lebenswichtig ist.

Für uns ist Jesus Christus Vorbild, der so werbend und vehement, so grundsätzlich und konkret immer wieder Menschen in Gemeinschaft holt. Und dies in der Überzeugung, dass unsere irdische Gemeinschaft münden wird in der Gemeinschaft bei Gott.

Amen