Menschenkette für den Frieden in Augsburg

Menschenkette vor Augsburger Rathaus
Bildrechte: KK Augsburg

Ansprache von Regionalbischof Axel Piper auf dem Augsburger Rathausplatz
am 15. März um 18.00 Uhr

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Viel zu lesen und zu hören, dieses Wort. Zeitenwende.
Weil: Krieg in Europa ist. Gott sei Dank war das ja lange nicht so.

Pause gemacht hat der Krieg ja nie: Das Töten, das Schreien, das Fliehen. Die Ohnmacht und Gewalt, die Verzweiflung und die Barbarei, die Angst und der Großmut und die Solidarität und der Egoismus. Im Krieg.

Pause haben die nie. Nur ist das alles weit weg. Oder weiter weg – wenigstens.

Oder fremder. Weil die, die aufeinander geschossen haben oder immer noch schießen, eine andere Hautfarbe, eine ganz andere Kultur, eine andere Religion haben.

Oder in der Brechtstadt Augsburg: Mutter Courage und ihre Kinder das Drama, das 1938/39 von Bertolt Brecht verfasst und 1941 uraufgeführt wurde. Es spielt im Dreißigjährigen Krieg zwischen 1624 und 1636. Erzählt wird die Geschichte der Marketenderin Mutter Courage, die versucht, ihr Geschäft mit dem Krieg zu machen, und dabei ihre drei Kinder verliert. Das Geschehen kann als Warnung verstanden werden, die hoffen, durch geschicktes Handeln mit dem Zweiten Weltkrieg umgehen zu können. Und doch ist es schlicht sehr weit weg für uns, weil wir es in der Schule als Lektüre lesen mussten oder durften.

Jetzt ist es anders. Und nichts ist mehr normal, weil Krieg nicht normal ist. Und Gewalt gegen wen auch immer auch nicht! Die Menschen auf den Fernsehschirmen, in Kiew, auf dem Land oder an den Grenzen sehen aus wie du und ich. Mir schießt durch den Kopf: Das kann doch alles nicht wahr sein: Wie ein Unfallgefühl.

Ist es aber. Scham entsteht angesichts des Elends.

Zeitenwende.

Was genau wendet sich da eigentlich:

Der russische Angriffskrieg in Europa führt ja ganz direkt zu der Frage, ob das mit der Abrüstung alles Träumerei gewesen ist. Folge der sogenannten „Friedensdividende“ wie es jetzt, natürlich im wirtschaftlichen Sprachbild, heißt.

100 Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr, weil: Frieden schaffen ohne Waffen, dem Recht des Stärkeren freie Gewalt lässt? Gehört zur Hand, die zum Frieden ausgestreckt ist, realistischerweise die Panzergranate in der Tasche?

„Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“? (Gen. 8,21) so wie es in der Genesis steht. Ja. Schon. Ist es. Echt jetzt.

Allerdings nicht nur. Menschen lieben und verzeihen, solidarisieren sich und opfern. Sowohl, als auch. Als Christ habe ich einen Auftrag: Liebe Gott, deinen Nächsten, wie Dich selbst. Denn er ist wie Du. Weil wir als Evangelische Kirche in Bayern uns unserer Verantwortung und der Nächstenliebe bewusst sind, wird ein Betrag von 10 Mio. € zur Verfügung gestellt werden, um Zeichen von Liebe, Verständnis und Solidarität zu setzen, wo es am nötigsten ist.

In den Augen der Welt sind Christen da ziemlich bescheuert. Ob das Böse mit Liebe begrenzt werden kann? Kurzfristig sicherlich nicht. Im Lauf der Zeiten – vielleicht. Nur mit Gottes Hilfe.

Es bleibt: Klage an Gott und Mensch, und Bitte um Erbarmen und Frieden.